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Das Projekt Mariupol Diaries sammelt und bewahrt die unverfälschten Geschichten der Menschen, die 2022 die Belagerung von Mariupol durch die russischen Besatzer überlebten.

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Die Welt soll wissen, welche Schrecken die Menschen in Mariupol durchlebt haben. Wir wollen, dass die Welt versteht, sich erinnert und verhindert, dass sich dieser Terror jemals wiederholt. Ihr kennt vielleicht das Tagebuch von Anne Frank - dies sind echte Zeugnisse aus Mariupol.
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Die erste Geschichte handelt von einer Mutter, die ihrem Sohn Textnachrichten aus einem Unterschlupf im besetzten Mariupol schickt. Sie hatte keine keinen Empfang, schickte die Nachrichten trotzdem voller Hoffnung ab - ohne je Antwort zu bekommen. Sie schickte sie fast täglich, bis es ihr schließlich gelang, aus der belagerten Stadt zu entkommen.

✏️  Die Originalnachrichten findet ihr hier.

Les’ die Nachrichten in deiner Sprache:

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1️⃣
“Mein Sohn, ich schreibe dies für den Fall, dass wir Netz haben und meine Nachricht gesendet werden kann. Uns geht es gut, wir haben noch Gas. Aber sie sagen, dass es auch das bald nicht mehr geben wird. Sie bombardieren uns. Strom und Wasser gibt es schon seit zwei Tagen nicht mehr, aber wir halten durch. Heute kam [Name] zu uns und wir haben uns etwas zu essen geteilt. Das Schlimmste ist, wenn wir nicht wissen, was passiert. Wir haben dich sehr lieb und hoffen, dass es dir gut geht.” ”Guten Morgen mein Sohn. Heute ist der 04. März. Es ist 08:20 Uhr. Wir haben eine weitere Nacht überlebt. Wir haben die ganze Nacht fast nicht geschlafen, wir wurden durchgehend bombardiert. Die Einschläge waren ziemlich nah. Ich habe Angst zu sterben und dich alleine zu lassen. Aber die Nacht ist vorbei, es ist Morgen und wir sind am Leben. Und wir haben noch Gas, Gott sei Dank. Das ist aber auch alles. Wir lieben dich sehr. Bitte pass‘ auf dich auf, unser Schatz.” ”Lieber Sohn, es ist jetzt 09:33 Uhr. Uns geht es gut. Hier im Haus sind es nur 15 Grad, aber wir haben uns ein bisschen bewegt und aufgewärmt. Wir sind froh, dass wir so sparsam sind. Wir haben eine Box mit Weihnachtslichtern inkl. Batterien gefunden. Und sogar eine Taschenlampe. Falls unsere Akkus aufgeben, versuch‘ Opa anzurufen. Um 12 Uhr und um 21 Uhr. Wir werden sein Handy zu diesen Zeit einschalten. Wir lieben dich.”
2️⃣
“Guten Morgen lieber Sohn! Mir wird gerade klar, dass ich ein Tagebuch schreibe, genau wie Anne Frank. Wir sind am leben. Jeden Morgen prüfen wir, wie viel Gas und Wasser wir noch haben. Gott sei Dank ist noch Gas da. Und 4 Flaschen Wasser. Wir machen unsere Handys aus und lesen nur am Abend ein bisschen. Das Handy zeigt nur noch einen Balken an,wir müssen den Akku schonen. Gestern sind wir zweimal bis in den 12 Stock hoch gegangen - mit unserem Handy und einem Tablet - und hatten sogar Netz. Aber auch wenn ein schwaches Signal da war, wurde unsere Nachricht nicht verschickt. Und wir konnten nicht telefonieren. Gestern kamen Leute mit leeren Wasserflaschen zurück. Sie haben kein Wasser finden können. Wir haben sogar einen Mann gesehen, der mit einer Schaufel Wasser aus einer Pfütze schöpfte.”
3️⃣
“Was ein Horror! Jeden Tag habe ich Angst. Angst vor dem nächsten Tag. Angst vor dem einschlafen. Ich habe Angst davor, dass sie uns bombardieren, während wir in der Schlange für Wasser anstehen und wir uns nicht verstecken können. Und wir haben die Plünderer so satt. Während der ersten Tage sind sie überall eingebrochen und haben Geschäfte ausgeraubt. Sie haben einfach alles geplündert: taschenweise Parfum aus einer Drogerie, Lammfellmäntel, Kisten voll mit Herringen, Eimerweise Kohle, Windeln. Sogar die Leute aus unserem Wohnhaus haben gestohlen - wie die Tante Nina, die blonde Fraue, die die Katzen gefüttert hat. Es ist furchtbar, dass wir unter diesen Menschen leben. All das konnte nur passieren, weil die Polizei nun an der Front kämpfen. Aber Papa hat gehört, dass es jetzt möglich sei, auf Patrouille zu gehen. So können Plünderer geschnappt werden. Ihnen werden die Hosen weggenommen und sie müssen mit nacktem Hintern davonlaufen. Wir lieben dich so so sehr. Pass‘ auf dich auf mein Schatz. Am meisten freue ich mich auf den Moment, in dem ich dich ganz fest umarmen und festhalten kann. Und darauf, dass diese Hölle ein Ende hat. Küsse von mir und Papa. Ich schreib‘ dir morgen wieder mein Schatz.”
4️⃣
“Mein lieber Sohn, hallo. Wir sind am Leben, unsere Hölle geht weiter. Wir haben die Nacht im Keller von XXX verbraucht. Ich danke ihnen, dass sie uns, 4 Personen, aufgenommen haben. Gestern gab es eine schreckliche Explosion als etwas aus dem Flugzeug direkt über der Entbindungsklinik abgeworfen wurde. Unser Fenster in der Küche und die Balkontür wurden weggesprengt. Zu diesem Zeitpunkt lagen wir grad auf dem Sofa im Schlafzimmer. Wir haben später im Radio gehört, dass die Explosion von einer Bombe verursacht wurde, die einen Krater mit einem Durchmesser von 10m verursacht hat. Wir rannten in Socken aus der Wohnung in den Flur. Dann wurde uns klar: wenn wir schon solch einen Schaden abbekommen haben, was ist dann mit Oma? Papa ist nach draußen gerannt und hat sich die Fassade angeschaut: alle Fenster waren zerbrochen. Entsetzt haben wir uns Verbandszeug geschnappt und sind rüber gerannt. Glücklicherweise waren Oma und XXX am Leben. Sie standen bereits mit gepackten Koffern an der Tür ihrer Wohnung - oder besser gesagt vor den Ruinen ihrer Wohnung.Sie weinten. Die Explosion war so stark, dass alle Fenster zerbrochen, das Schloss heraus gesprengt und der Balkon zerstört wurde. Aber zum Glück waren sie nicht verletzt worden. Wir schnappten uns ihre Taschen und nahmen sie mit zu uns. Wir zitterten vor Angst. Auch unsere Wohnung hatte keine Fenster mehr, nur noch schwarze Löcher. Die Tür zur 1-Zimmer-Wohnung von Omas Nachbarin war herausgebrochen.”
5️⃣
“Wir sind zurück gefahren und haben unsere Habseligkeiten geholt, haben nur schnell das Nötigste zusammengepackt, sind ins Auto gestiegen und unter Explosionen hierher gefahren. Hier schlafen wir in einem Keller. Auf dem Boden, in unserer Kleidung, auf Schaumstoff oder einer dünnen Decke. Es ist nachts so kalt, dass wir zittern. Wir haben uns ein paar Decken genommen, aber die reichen nicht für uns 4. Außerdem haben wir etwas gekochtes Essen mitgenommen. Auf unserem Balkon liegen überall Glasscherben. Heute wollten wir Lebensmittel und Kleidung einkaufen, aber wegen der anhaltenden Bombardierung konnten wir das nicht. Wir können nicht einmal Essen kochen. Wir verstecken uns alle im Keller. Das ist schrecklich. Heute wurde in der Nähe ein 9-stöckiges Gebäude im 8. Stockwerk von einer Rakete getroffen. Es ist sehr kalt hier im Keller. Papa macht sich Sorgen um seine Nieren. Ich weiß nicht, ob wir das hier überleben werden. Wir hoffen, dir geht es gut. Pass‘ auf ich auf mein Schatz.”
6️⃣
“Wir haben noch eine Menge roher Kartoffeln, aber wir können sie nicht kochen. Wir haben nicht genug Wasser dafür. Morgens trinken wir Pfirsichsaft, um Wasser zu sparen. Wir hören auch die ganze Zeit Nachrichten. Wir hoffen auf Hilfe. Wir wollen nur überleben. Es ist sehr kalt hier, aber wir haben ein paar Decken und meine Pelzjacke aus unserem Haus mitgebracht. Wir haben seit mehr als zwei Wochen nicht geduscht. Wir tragen den Zwiebel-Look, wir schlafen mit unseren Mützen, in Mänteln, mit 5 Pullovern und Socken. Wir reden selten, meist schauen wir nur Nachrichten. Jemand spielt Kartenspiele. Gestern haben wir unter dem Licht einer Lichterkette ein wenig gelesen. Die Zeit vergeht langsam, alle sind immer halb am schlafen. Gestern hat Papa [Name] bei der Sicherung der Fenster und Türen im dritten Stock geholfen. Ich habe mir solche Sorgen gemacht, bis er zurückkam. Ich möchte wirklich überleben und dich umarmen. Gestern hat [Name][ [Name] umarmt und ich habe leise geweint, aber ich bin wirklich froh, dass du jetzt nicht bei uns bist. Ich möchte wirklich, dass du glücklich und am Leben bist. Wir beten, dass die Bombardierungen aufhören und wir unsere Verwandten so bald wie möglich umarmen können. Wir lieben dich so sehr. Pass auf dich auf, mein Lieber, du bist das Wichtigste für uns.”
7️⃣
“Hallo, mein geliebter Sohn! Wie geht es dir? Geht es dir gut? Wir machen uns große Sorgen um dich, denn wir haben gehört, dass jetzt auch bei dir Luftangriffe stattfinden. Wir hoffen sehr, dass du in Sicherheit bist. Wir sind noch am Leben. Heute ist Montag, wir sind alle im Keller. Es wird mit jedem neuen Tag schlimmer. Gestern oder vorgestern haben wir es noch gewagt, nach oben in unser Haus zu gehen, aber heute haben wir zu viel Angst, um auch nur in den ersten Stock zu gehen, um die Toilette zu benutzen. Irgendwo in der Nähe von [Place] haben unsere Soldaten schwere Waffen stationiert und es gibt ständig schreckliche Geräusche von Granaten. Am Himmel sind die Flugzeuge der russischen Faschisten zu sehen. Der reine Horror. Wir sind kaum in der Lage, Essen zu kochen, wir müssen es draußen in der Nähe der Garage tun, aber dort ist es wirklich gefährlich. Wir haben fast kein Wasser mehr, aber alle haben zu viel Angst, es zu holen. Wir essen nicht viel, eine Portion ist genug für zwei. Papa ist ständig hungrig.”
8️⃣
“Mein Sohn, mein Schatz! Ich schreibe dir eine SMS von Papas Telefon, da mein Akku schon lange leer ist. Heute ist der 13. März und wir leben noch. Ich habe mich schon lange nicht mehr gemeldet, ich versuche, den Akku zu schonen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ihr wisst, in welchem Alptraum wir leben. Die Stadt scheint völlig zerstört zu sein. Zusätzlich zu den Mehrfachraketenwerfersystemen und anderen schweren Maschinen kreisen die Flugzeuge ständig über der Stadt und bombardieren sie. Freunde kommen zu Besuch und erzählen uns Neuigkeiten. Gestern wurde das Hauptpostamt bombardiert und das Gebäude in zwei Hälften geteilt, in den Kellern haben sich Menschen versteckt, von denen unklar ist, ob sie noch leben. Es gibt niemanden, der sie retten könnte. Wir sind unter Lebensgefahr zweimal nach Hause gefahren, um Lebensmittel und Decken zu holen. Wir haben sogar zwei Säcke Kartoffeln, ein paar Schachteln Kekse, etwas Tee und Süßigkeiten mitgebracht. Wir möchten den Menschen für den Unterschlupf danken.”
9️⃣
“Mein Sohn, mein Schatz. Heute ist der 17. März, mein Handy hat noch etwas Akku. Wir sind noch am Leben, obwohl wir uns oft sicher waren, dass wir sterben würden. Wir sind in der Hölle. Wir werden bombardiert, mit Mörser-Granaten beschossen. Es gibt kein einziges Gebäude, das nicht beschädigt worden ist. Die ganze Stadt steht in Flammen. Wir haben sogar Angst, den Keller zu verlassen, in dem sich die ganze Stadt mit ihren Kindern nachts versteckt. Wir haben kaum Schlaf, alle Menschen im Unterschlupf stehen nur in der Ecke und beten. Wir haben schreckliche Angst. Die Fenster unseres Autos wurden beschädigt und dahinter ist ein großer Krater, es ist jetzt unmöglich, mit dem Auto wegzufahren. Wir wissen nicht, was morgen passieren wird, falls wir überleben. Gott, warum geschieht uns das? Wir beten, dass wir in unserem Unterschlupf in Sicherheit sind. [Name] muss für uns alle kochen, arme Frau, sie ist eine Heilige. Die Essensportionen werden immer kleiner und kleiner. Papa hat die ganze Zeit Hunger. Gekocht werden muss in der Garage, aber es ist trotzdem sehr gefährlich. Fenster und Türen sind zerbrochen, Papa und [Name] versuchen, sie unter den Schüssen zu reparieren. Es ist wirklich kalt hier drinnen, die Temperatur liegt bei 5°C und es ist ständig dunkel hier drinnen. Wir beten, dass es dir gut geht und du glücklich bist. Es geht dir gut, du wirst mit allem fertig. Ich möchte wirklich glauben, dass wir überleben und uns mit dir treffen werden. Wir haben dich sehr, sehr lieb. Pass auf dich auf, mein Lieber.”
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Oleg mit seiner Mutter vor dem Theater von Mariupol im Januar 2022 vor der Invasion

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Theater von Mariupol im Februar 2022 nach den Bombardierungen.

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Key events:

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Oleh, 20, aus Mariupol, Student an der Kharkiv Universität. In den ersten Tagen der russischen Invasion wurde Oleh aus Kharkiv, wo er studiert, nach Lviv evakuiert. Seine Eltern, die in Mariupol leben, konnten jedoch nicht evakuiert werden, da alle Straßen außerhalb der Stadt bereits blockiert waren.
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Olehs Mutter(Name verdeckt), 47, Trade Managerin, aus Mariupol. Vom 4. bis 17. März versteckten sich seine Mutter und sein Vater vor dem Beschuss im Keller. Seit den ersten Kriegstagen haben alle Einwohner Mariupols weder Internet- noch Mobilfunkempfang. Später wurden sie vom Stromnetz abgeschnitten und ohne Gas (und ohne Heizung) und Wasser zurückgelassen. In all diesen Tagen waren Olehs Eltern völlig ahnungslos über die Situation. Sie wussten nichts von den Korridoren und der Evakuierung der Zivilbevölkerung. Doch seine Mutter hat die Hoffnung nie aufgegeben. Die ganze Zeit über schickte sie ihrem Sohn Nachrichten. In diesen Nachrichten schrieb sie über persönliche Erlebnisse aus ihrer Heimatstadt im Belagerungszustand. Am 18. März konnten Olehs Eltern zusammen mit einigen anderen Bewohnern aus Mariupol evakuiert werden. Die Stadt wird noch immer vollständig von russischen Streiftkräften belagert.
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Am 21. März veröffentlichte Oleh screenshots der Nachrichten seiner Mutter auf Instagram. Hunderttausende von Menschen waren von diesen Briefen bewegt.

Ihr könnt dieser Familie direkt helfen.

Die folgenden Konten gehören Oleh und seiner Familie.

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PayPal: koptsevoleg1@gmail.com
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Revolut Card: 5354563130507757
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USD Account IBAN: UA223220010000026204302087232 Receiver: KOPTSEV OLEH, ave. Liudvyha Svobody, build. 51, Housing. B, Kharkiv, Ukraine, 61000 Bank: JSC UNIVERSAL SWIFT: UNJSUAUKXXX
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EURO Account IBAN: UA363220010000026202327186477 Receiver: KOPTSEV OLEH, ave. Liudvyha Svobody, build. 51, Housing. B, Kharkiv, Ukraine, 61000 Bank: JSC UNIVERSAL SWIFT: UNJSUAUKXXX
Alle Geschichten sind wahr und sorgfältig von unserem Team überprüft.

Unser Team hat mit Oleh telefoniert, der die Nachrichten seiner Mutter teilte.

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🙏🏻
p.s. Thank you to a volunteer Philly, who helped us with translation into German language.